Eine neue Auseinandersetzung mit dem Faschismusbegriff ist dringend notwendig. Denn wie es scheint, gibt es in der seltsam diffusen Linken (darunter auch die so genannte Bauchlinke) zwei große, sich mehr oder weniger widersprechende Missverständnisse, die in zwei ganz verschiedenen Lagern von Ahnungslosen konserviert werden.1
In diesen Lagern finden wir zum einen diejenigen, die einen inflationären Gebrauch eines amorphen und in jeder Hinsicht unzutreffenden Faschismusbegriffs pflegen.2 Zum anderen diejenigen, die aus einer Art Unbehagen heraus, bzw. aus Respekt vor dem europäischen Faschismus des 20. Jahrhunderts sich ganz und gar gegen die Anwendung des Begriffs wehren. Und sogar gegen eine Auseinandersetzung damit.
Letztere argumentieren ihr Unbehagen oft emotional. Z.B. an dieser Stelle: Die Anwendung des Begriffs stelle „eine Verharmlosung der in der Geschichte der Menschheit einzigartigen NS-Verbrechen“ dar. Diesen Gedanken sollte man weiter denken: Man respektiert, mag das Thema nicht antasten und hält dadurch einen Mythos aufrecht, den damalige Leitfiguren forcieren mussten, um erfolgreich zu sein. Leitfiguren, gegen deren Ideologie man u.a. mittels Verweigerung des Faschismusbegriffs doch Standpunkt beziehen wollte.
„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“, sang der Wiebusch noch vor sieben Jahren.
Die Mythisierung war einer der zentralen Aspekte des italienischen Faschismus, d.h. des ersten Staatskonzeptes seiner Art. Mussolinis steile Karriere hat in Europa Massen begeistert, darunter viele Intellektuelle. Die Philosophie des Futurismus und der Avantgarde schienen das Land voran zu treiben. Das Gefühl des „verstümmelten Siegs“ Italiens nach dem Ersten Weltkrieg sollte überwunden, dem Land zu neuem Glanz verholfen werden. Auch den Intellektuellen schien Mussolini der richtige Anführer an der Spitze zu sein. Solang der Mythos um diesen Anführer erhalten blieb, hatten seine Gefolgsleute und Zuschauer wenig Grund zum Misstrauen.
Der italienische Weg beeindruckte andere Staatsmänner (darunter Churchill, der Mussolini 1933 den „größten[n] lebende[n] Gesetzgeber“ nannte) und wurde von einigen für das eigene Land umkonzipiert. Hier und dort wendete man die Neukonzipierung an (u.a. in Deutschland). Daher wird vom „europäischen Faschismus“ bzw. von „europäischen Faschismen“ gesprochen.
Der Mythos um Mussolini war facettenreich und man versuchte ihn auf unterschiedliche Weise voran zu treiben. Bspw. war die Anrede Duce ein erster Schritt in diese Richtung. Bis zur Anerkennung Mussolinis als Duce jedoch dauerte es eine Weile. Denn eigentlich meinte man damit in Italien Gabriele D’Annunzio, und vor ihm meinte man damit Giuseppe Garibaldi, zwei Persönlichkeiten, mit deren Image sich Mussolini in Zusammenhang gebracht wissen wollte. Long story made short: Mussolini bekam seinen Titel, andere Souveräne erkannten den Nutzen für Legitimierungszwecke und bemühten sich um Ähnliches: z.B. Antonescu, Ceaușescu, Hitler, Pavelić, Stalin, mit Abstrichen: Franco.
Den italienischen Faschismus machte zu verschiedenen Zeiten Unterschiedliches aus. Zwischen den 20er und den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts unterlag er einer Art Evolution, denn auch hier musste auf veränderte Umstände reagiert werden. Zur Aneignung eines korrekten Faschismusbegriffs gilt es, jeden einzelnen Aspekt des Konzeptes zu verstehen und ebenfalls die Neukonzipierungen des Systems in der Anwendung in anderen Ländern zu begreifen.
Nun wäre es recht naiv, anzunehmen, dass das Konzept „europäischer Faschismus des 20. Jahrhunderts“ heute noch in dieser Form Erfolg hätte. Anzunehmen, dass es sich daher zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch mit dem Faschismusbegriff erledigt haben könnte, ist allerdings ein zu eiliges Unternehmen. Wie sich im Laufe der Zeit viel entwickelt,3 kann sich auch der Faschismus entwickeln und auf die zur jeweiligen Zeit gegeben Umstände angepasst werden. Heute kann z.B. niemand mehr auf dieselbe Weise wie der europäische Faschismus des 20. Jahrhunderts Propaganda machen. Bspw. die Unterwanderung des Kinos im großen Stile Mussolinis wäre erstens zu offensichtlich und zweitens nicht mehr zeitgemäß.
Allein der Gedanke, dass der Faschismus im 20. Jahrhundert gescheitert ist, aber nicht hätte scheitern müssen, kann lukrativ genug scheinen, das Konzept zu verbessern und es – egal, wo auf der Welt – auf ein gegenwärtiges System zu übertragen. Wesentlicher Aspekt ist dabei die Sicherstellung des überwiegenden Vertrauens der Menschen weltweit. Das beinhaltet u.a. die Notwendigkeit, sich ein entsprechendes Image zu geben. Die Möglichkeiten hierfür sind vielfältig.
Niemand in der überzeugten Linken (und der Bauchlinken) wird – aus unterschiedlichsten Gründen – bestreiten, dass antifaschistischer Kampf zwingend notwendig ist. Voraussetzung dafür ist, zu wissen, wogegen genau man dabei denn nun kämpft. Niemand kommt daher um eine entsprechend tief greifende Auseinandersetzung mit dem Phänomen herum. Zu glauben, man wisse auch ohne diese Auseinandersetzung Bescheid, ist naiv; der ständige begriffliche Falschgebrauch in linken Kreisen belehrt uns eines Besseren. Es geht nicht um die Aneignung von vermeintlichen Banalitäten. Um hier auf das anfangs angeführte Zitat über die Verharmlosung des Nationalsozialismus zurück zu kommen: Der Nationalsozialismus war alles andere als Faschismus in Reinform. Das unbedarfte Verständnis des Faschismusbegriffs suggeriert dies aber.
Der Terminus „antifaschistischer Kampf“ hat sich durch Missgebrauch des Faschismusbegriffs in vielen Jahren nicht nur vor sich selbst blamiert. Um einen ernstzunehmenden und – besonders – effektiven antifaschistischen Kampf wieder in die richtigen Bahnen zu leiten, hat man sich heute Folgendes zu fragen: Wo liegen die Wurzeln des Faschismus, welcher Evolution unterlag dieser bis dato und wo finden sich die jeweiligen Elemente jetzt wieder?
- Natürlich gibt es in der Linken glücklicherweise ebenfalls diejenigen Menschen, die das Konzept „Faschismus“, weil sie sich damit auseinander gesetzt haben, heute noch verstehen. (Einige dieser Menschen streiten sich momentan z.B. darüber, ob hinsichtlich des Phänomens von „Faschismus“ oder „Faschismen“ gesprochen werden sollte.) All diese bleiben in diesem Text unerwähnt, denn hier liegt eben kein Missverständnis im Sinne dieses Texts vor. [zurück]
- Beispiel: Eine Bekannte wurde vor einigen Wochen von einer Frau in einer Kneipe als „faschistoid“ bezeichnet, weil sich erstere ganz unbefangen bei zweiterer erkundigen wollte, was dieser an diesem Abend Grund gebe, Alkohol zu trinken. [zurück]
- Zur Blogeintragsbelebung ein Beispiel aus der IT-Evolution: Aus Pong, einem aus heutiger Sicht ungeheuer simplen Arcadespiel, das 1972 frei gegeben wurde, entwickelte sich bis heute eine über alle Maßen umfangreiche Bandbreite an Spielen und Spielsystemen. Deren Steuergeräte nehmen mittlerweile Bewegungen eines Spielers wahr und sollen bald auf dessen Sprache (samt Intonation) reagieren können. Das eine Ursystem ist mit dem heutigen kaum noch vergleichbar. Gemeinsamer Nenner bleiben nach bald 40 Jahren Spielevolution äußere Grobstruktur und Zweck. [zurück]


Die Betonung der Einzigartigkeit des deutschen NS (und insbesondere der Schoah) sollte wirklich nicht auf den Faschismus ausgedehnt werden. Schnell würde so unversehens an einem ganz anderen Diskurs mitgestrickt, nämlich an jenem, dem auch die Rede vom Ereignischarakter dieses Geschehens nahe steht. Im besten Fall nur Beleg der eigenen Naivität, gerät dieser Topos schnell auch zu jenem vom historischen „Ausrutscher“, der jeder historischen Kontinuität unerklärlich enthoben wäre. Dies hat Implikationen in beiden Richtungen auf dem Zeitpfeil. Auch die sog. „Stunde Null“ kann hier anknüpfen. Dazu jüngst in einem Radiobeitrag zur Fischer-Kontroverse:
„Vertreter der deutschen Geschichtswissenschaft bemühten sich nach dem Krieg darum, den Nationalsozialismus als eine Art einmaligen „Betriebsunfall“ gleichsam in der deutschen Geschichte zu isolieren. Nun machte sich Fischer, unterstützt von einer jüngeren Historikergeneration daran, Kontinuitätslinien zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg, zwischen Kaiserreich und „Drittem Reich“ aufzuzeigen und als Aufgabe vertiefter Forschungen anzumahnen.“
www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1042311/
„Niemand in der überzeugten Linken (und der Bauchlinken) wird – aus unterschiedlichsten Gründen – bestreiten, dass antifaschistischer Kampf zwingend notwendig ist. Voraussetzung dafür ist, zu wissen, wogegen genau man dabei denn nun kämpft.“
nun gut. wieso aber erst antifaschistisch kämpfen wollen, um danach erst den realen faschismus zu suchen? in der realität liefe das doch genau anders herum: da hätte man etwas schädigendes (schädigung als voraussetzung für gegnerschaft), das man als faschismus erkennt (begriffsbildung) und dann bekämpft (theoretisch fundierte praxis). um den faschismus als solchen zu erkennen und einen richtigen faschismusbegriff zu bilden, bräuchte es mindestens noch einen zutreffenden begriff von demokratischer herrschaft und kapitalistischer vergesellschaftung (horkheimer lässt grüßen).
übrigens hat m.meier ganz recht, der rede vom einzigartigen ns zu mißtrauen. so läßt sich noch jede andere schweinerei relativieren. man sollte einfach nichts und niemanden loben dafür, nicht faschistisch zu sein.
Diese Aufzählung zeigt doch schon, was der Faschismusbegriff meist eigentlich ist: ein maskierter Extremismusbegriff.
@ M. Meier: Vielen Dank für die Verlinkung des bereichernden Beitrags auf dradio.de!
@ ilja: So herum ist es selbstverständlich auch gedacht: Die Arbeit an relevanten Begriffen und die Auseinandersetzung mit einschlägigen Konzepten ist Voraussetzung. Es ging hier um das Umreißen einer „Episode“ der gegebenen Situation. Der Hinweis, dass es nicht hinreichend ist, sich bloß Gedanken über einen Faschismusbegriff zu machen, ist wichtig. Vielen Dank dafür.
@ Abulafia: Vorsicht. Eine Schlussfolgerung aus bloß einem einzigen Aspekt resp. seiner Rezeption (die nicht notwendig in einem faschistischen System statt finden muss) zu ziehen, ist gefährlich und überdies keine hinreichende Argumentation. Was nun wiederum nicht zwangsläufig bedeutet, dass Du nicht dennoch Recht hast. Eine weitere Ausführung des Punktes „maskierter Extremismusbegriff“ ist daher interessant.
Herzlich,
dochBlog.